Schwarm

In den 1930er Jahren wurde die im Aufbau befindliche Luftwaffe stark von Männern wie Theo Osterkamp, Eduard Ritter von Schleich und Werner Junck geprägt, die bereits während des 1. Weltkrieges in der deutschen Fliegertruppe dienten. Sie übernahmen hohe Kommandostellen und auf Grundlage ihrer Erfahrungen wurden Taktiken und Gefechtsordnungen für die neue Luftwaffe erarbeitet, die sich überwiegend an den Luftkämpfen des 1. Weltkrieges orientieren. Es zeigte sich allerdings schon während des Einsatzes der Legion Condor im spanischen Bürgerkrieg (Juli 1936 bis April 1939), dass diese für schnellere Flugzeugtypen wie die Messerschmitt Bf 109 untauglich waren. Bis dahin galt der dicht geschlossene Kettenkeil aus drei Flugzeugen als Gefechtsordnung. Die dem Kettenkeil zu Grunde liegende Forderung der Massierung des Feuers schränkte unter anderem die Manövrierfähigkeit des Verbandes ein. Darüber hinaus konnten sich die einzelnen Maschinen nicht gegenseitig vor Angriffen schützen.

Das bis heute gültige Grundkonzept des Luftkampfes, die Idee von Schwarm und Rotte, geht auf Günther Lützow zurück. Zwischen März und September 1937 befehligte er als Oberleutnant die 2. Staffel der Jagdgruppe 88 im Spanieneinsatz und erkannte, dass die höhere Dynamik des modernen Luftkrieges nach Änderungen verlangte. Beispielsweise wurde unter seiner Führung, je nach Einsatzauftrag, eng aufgeschlossen oder mit großen Abständen zwischen den Maschinen geflogen. Nach seiner Rückkehr auf den brandenburgischen Fliegerhorst Jüterbog-Damm entwickelte er bei Übungsflügen seiner Staffel weiter, was er in Spanien begonnen hatte. Im Frühjahr 1938 fasste er seine Erfahrungen schließlich in einem Ausbildungsbericht zusammen.

Diese Grundlagen wurden aufgegriffen, als Werner Mölders im April 1938 die Führung der 3. Staffel der Jagdgruppe 88 von Adolf Galland übernahm. Während seiner Zeit bei der Legion Condor entwickelte Mölders das, was seitdem als "Vierfingerschwarm" bekannt ist und fand Lösungen für die Probleme des Manövrierens im schnellen Verbandsflug. Die Formation des Schwarms ähnelt den vier Fingerspitzen der rechten Hand und besteht aus einer führenden und einer geführten Rotte zu jeweils zwei Flugzeugen. Innerhalb dieses Verbandes unterstützen sich die beiden Rotten in ähnlicher Weise wie in einer Rotte die beiden Rottenflieger. Verantwortlich für die Führung des Verbandes ist der in Position des Mittelfingers fliegende Schwarmführer. Solange die Formation besteht, übernimmt dieser die Spitze und bestimmt den Kurs sowie den Ort und Zeitpunkt des Angriffs. Gedeckt wird er von seinem Flügelmann bzw. Rottenflieger, der taktischen Nummer zwei, der sich links hinter ihm an der Stelle des Zeigefingers befindet. Die zweite Rotte hält sich rechts hinter dem Schwarmführer und setzt sich aus der taktischen Nummer drei, dem Rottenführer an der Stelle des Ringfingers, und dessen Rottenflieger, die Nummer vier der Formation, in Position des kleinen Fingers zusammen.

Im Vergleich zum unmodernen Kettenkeil bietet der Schwarm deutliche Vorteile. Der Verzicht auf das Fliegen in enger Formation bringt den geführten Piloten größte Entlastung. Sie müssen ihren Blick nicht permanent auf den Verbandsführer fixieren, um Kollisionen bei abrupten Manövern zu verhindern. Durch horizontale und vertikale Staffelung sowie die großen Abstände innerhalb des Schwarms besitzen auch die geführten Piloten den notwendigen Freiraum, um die Umgebung beobachten zu können. Im Hinblick auf die Hauptaufgabe des Jagdfliegers, gegnerische Flugzeuge zu suchen und zu bekämpfen, ist dies von besonderem Vorteil. Weiterhin wird durch die relativ weit gefächerte Formation eine Aufklärung durch den Gegner erschwert. Im Luftkampf teilt sich der Schwarm üblicherweise in seine einzelnen Rotten auf. Hierbei übernehmen der Schwarm- und Rottenführer offensive Aufgaben. Sie führen ihre Rotte und konzentrieren sich auf den Angriff des Gegners, während der jeweilige Flügelmann nach weiteren Bedrohungen Ausschau hält und somit die Deckung seines Führers übernimmt.

Eigeninitiative macht den erfolgreichen Jagdflieger aus - durch Lützow und Mölders wurde ihr der größtmögliche Spielraum geschaffen. Durch die von Werner Mölders entwickelten Taktiken war ein Verband auch beim Manövrieren von Schwärmen und Staffeln anderen zeitgenössischen Formationen überlegen. Sollte die aktuelle Flugrichtung eines Schwarms beispielsweise um einen 90°-Bogen nach rechts angepasst werden, flog der Führer eine übliche Kurve, während sein Flügelmann hinter ihm einzukurven hatte. Die zweite Rotte über- bzw. unterschnitt die Schwarmführung zunächst in der bisherigen Flugrichtung und ging etwas später auf den neuen Kurs. War die Wende abgeschlossen, flog der Schwarm spiegelverkehrt in der neuen Flugrichtung weiter. Da die Maschinen am äußeren Rand der Formation keinen längeren Weg zurücklegen mussten, konnte das Manöver schnell geflogen werden, ohne dass der Schwarmführer seine Geschwindigkeit verringern musste.

All diese Faktoren einer Schwarm- und Rotteneinteilung boten Vorteile im Angriff und der Verteidigung. Da sie die Kampfleistung der Jagdverbände steigerten, hatten sie eine ähnliche Bedeutung wie die Anhebung der zahlenmäßigen Stärke und verschafften der deutschen Luftwaffe zu Beginn des 2. Weltkrieges einen taktischen Vorteil. Im Laufe der Luftschlacht um England (Juli bis Oktober 1940) wurde diese Taktik zunächst von Großbritanniens Royal Air Force kopiert und im weiteren Verlauf des Krieges von allen am Konflikt beteiligten Luftstreitkräften übernommen.